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Autorin

Marie-Joëlle Eschmann

Hilfe, was tun mit all den Regelwerken zur gendergerechten Sprache?

Wer kennt das nicht, das ewige Ringen um gendergerechte Sprache? Gerade in der Kommunikationsbranche ist es ein Thema, das immer wieder für rote Köpfe sorgt. Muss ich jetzt ernsthaft nochmals die ganze Medienmitteilung überarbeiten und nach jedem «Politiker» ein «Politikerinnen» anhängen? Oder soll ich das Ganze mit einem pragmatischen «Politiker/innen» oder einem «Politiker_innen» lösen? Und was hat es eigentlich mit dem Sternchen auf sich, wäre ein «Politiker*innen» auch angebracht? Letzteres müsste man tatsächlich vorher abklären. Denn der Einsatz des Sternchens entstammt der Programmiersprache und spricht alle Identitätsvarianten an, die über das binäre weiblich/männlich hinausgehen.

Wenn ich mich als Kommunikationsberaterin mit solchen Fragen konfrontiert sehe und mich verzweifelt nach einer praktikablen Lösung sehne, die den Lesefluss nicht zu stören droht, kommt das Verlangen auf, zu wissen: Wer hat uns in den letzten Jahren eigentlich all diese Fragen beschert?

 

Linguistischer Unfug?

Die gendergerechte Sprachreform ist in erster Linie von den Universitäten angestossen worden. An der Universität St. Gallen wird die genderneutrale Sprache in einem internen Leitfaden empfohlen, während die Universität Luzern bereits den Gebrauch von geschlechtsneutralen Formen offiziell anregt. Auch die Universitäten Bern und Zürich fördern den Gebrauch von Gender-Stern und Gender-Gap.

«An den Universitäten sind es in der Regel jedoch keine Linguisten [und Linguistinnen], die das Gendersprach-Projekt befördern», bemängelt Josef Bayer, emeritierter Professor für allgemeine und germanistische Linguistik an der Universität Konstanz in der NZZ. Um die gendergerechten Reformen als «Unfug» zu deklarieren, bezieht sich Bayer auf den Linguisten Roman Jakobson (1896–1982), der sich bereits zu seiner Zeit explizit zu dem Thema geäussert und den Begriff der «Markiertheit» geprägt hat. Dazu ein Beispiel: Die Wörter «Student» und «Studenten» bedeuten gemäss Jakobson keine Festlegung auf das natürliche Geschlecht und somit auf männliche Wesen. Diese Substantive seien «unmarkierte» Formen. Sie würden weibliche Wesen, die studieren, automatisch mit einbeziehen. Erst, wenn man betonen will, dass man sich ausschliesslich auf die weibliche Spezies beziehen möchte, komme eine «markierte» Form wie Studentin oder Studentinnen zum Zuge.

Diese Überlegungen – die wohlgemerkt von einem weissen, intellektuellen Mann vor rund 60 Jahren angestellt worden sind – können mich nicht ganz überzeugen. Ich gebe Bayer zwar Recht, dass hier und da grammatikalischer Unfug betrieben wird. Macht man beispielsweise aus «Absolventen» «Absolvierende», so hat man mit dem linguistischen Eingriff das eigentliche Wesen des Subjekts verändert: Während erstere bereits abgeschlossen haben, befinden sich letztere noch inmitten des Prozesses des Abschliessens. Das wäre ein Widerspruch in sich. Doch ich möchte an dieser Stelle mit meinen Überlegungen einen Schritt weitergehen.

 

Entzauberung der Welt?

Die Soziologin Eva Illouz hielt dezidiert fest: «Wenn die politisch korrekte Sprache Spott, Unbehagen und kulturelles Unwohlsein hervorgerufen hat, dann weil sie einen bestimmten ideologischen Leim sichtbar machte und bröckeln liess, nämlich den Leim, der die Geschlechteridentitäten und Machtunterschiede von Männern und Frauen zusammenhielt und so erotisch und lustvoll, weil spontan und unreflektiert machte – während sie zugleich die Geschlechterstruktur und -hierarchie unangetastet liess.» Die Welle der Empörung, so Illouz, rühre also daher, dass Regelwerke wie diejenigen zur genderneutralen Sprache unsere Welt vollends zu entzaubern drohen.

Solche Regelwerke werden nämlich mittlerweile auch in einem anderen Bereich festgelegt, die vielen – allen voran den Grandes Dames du Cinéma – zu weit gehen: In der Erotik. Es herrscht die Meinung vor, dass es ein gewisses Mass an Spontaneität brauche, damit etwas als lustvoll empfunden werden könne. Mit prozeduralen Fragen wie «Darf ich dir an die Brust fassen?» oder «Ist es in Ordnung, wenn ich jetzt damit beginne, dich zu penetrieren?» wird eben dieses Lustvolle zunichte gemacht. Doch Spontaneität ist in der Tat nichts weiter als ein Effekt der Unsichtbarkeit jahrelang einstudierter, sozialer Skripte. So kann man nur mit einer Rolle spielen, wenn sie vorher definiert worden ist. Man kann auch Codes nur dann variieren, wenn solche vorab festgelegt worden sind. Es herrscht also ein stilles, allgemeingültiges Verständnis über Rollen, Macht und Praktiken, die im erotischen Spiel lustvoll angewendet werden können. Spricht man nun das Unausgesprochene aus und macht das Unsichtbare sichtbar, so werden ebendiese sozialen Skripte aufgedeckt. Genau diese Aufgabe übernehmen die Regelwerke zur genderneutralen Sprache oder zur prozeduralen Gleichheit für einvernehmlichen Geschlechtsverkehr: Sie entlarven traditionelle Rollenverständnisse, unangetastete Machtverhältnisse und einstudierte soziale Codes. Das Argument der oben erwähnten «Markiertheit» kann mit diesen Überlegungen somit klar verworfen werden. Warum nämlich sollte eine «markierte» Form wie Studentin oder Studentinnen nur zum Zuge kommen, wenn man sich explizit auf die weibliche Spezies beziehen möchte? Damit hat man das Männliche unter dem Deckmantel der Neutralität dem Weiblichen übergeordnet.

 

Just do it!

Doch, was heisst das alles nun für mich als Kommunikationsberaterin? Was soll ich nun mit meiner Medienmitteilung anstellen? Wichtig ist hierbei nicht, welche Form man schlussendlich wählt, sondern dass man überhaupt eine wählt. Ob man nun «Politiker_innen», «Politiker und Politikerinnen» oder «Menschen, die Politik betreiben» schreibt, ist zweitrangig. Hauptsache, man tut es! Niemand hat je versprochen, dass das Vorantreiben gesellschaftlicher Entwicklungen einfach oder angenehm sein würde. Geschweige denn, dass es den Textfluss ungestört lassen würde. Wir sollten deswegen endlich damit aufhören, alle Versuche zur Durchsetzung von Gleichheit – und zwar tiefgreifender Gleichheit – immer gleich als Bedrohung wahrzunehmen. Kleiner Reminder: Die Grundlage für die Moderne war das Vertragswesen. Ohne klare Regeln gäbe es keine «Liberté, Égalité, Fraternité». Klar, die Regelwerke werfen viele Fragen auf. Wir werden verunsichert. Wir wissen nicht mehr wirklich, was man «zu Zeiten von #metoo überhaupt noch darf und was nicht.», höre ich viele Männer klagen. Doch lasst euch nicht einschüchtern, wenn an alten Werten gerüttelt wird, sondern seht es als Chance, um im Dialog gemeinsam neue Werte, neue Begriffe und sogar ein neues Erotikverständnis zu definieren.

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