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Autor

Stefan Batzli

Krisen meistern – mit Sozialkapital

Die «ausserordentliche Lage» steht zur Disposition. Es zeigt sich, dass die Schweiz die Corona-Krise gut in den Griff bekommen hat. Die Schweizer Bevölkerung – von ein paar Ausnahmen abgesehen – hat mitgezogen und ist den Empfehlungen des Bundesrates und damit der Politik gefolgt. Ein grosses Mass an Vertrauen liefert dazu die Grundlage. Ein kostbares Gut, das nicht einfach so vom Himmel fällt.

Es waren diese Bilder, die, neben den dramatischen Ereignissen aus dem Tessin, als erste Reaktion auf die Corona-Krise zu sehen waren: Nachbarn, die sich gegenseitig unter die Arme greifen; junge Menschen, die älteren Menschen den Einkauf besorgen, weil diese nicht aus dem Haus dürfen; Pflegefachkräfte, die bis an und über ihre Grenzen gehen; ein boomender Einkauf regionaler Produkte, auch um das einheimische Gewerbe und unsere Landwirtschaft zu stützen. Der Bundesrat forderte «es muss jetzt ein Ruck durch die Gesellschaft gehen» und die Bevölkerung reagierte mit Solidarität und Verzicht. Studien zeigen, dass nahezu 90 Prozent der Bevölkerung das Ausgangs- und Versammlungsregime des Bundesrates befolgt haben. Selbstdisziplinierung und soziale Kontrolle wirken. Die Schweiz funktioniert als Schicksalsgemeinschaft – die allermeisten unter uns haben am selben Strick gezogen, um diese Krise zu meistern. Scheinbar gibt es Anzeichen dafür, dass sich Covid-19 in Kantonen, in denen es mehr Nachbarschaftshilfen gibt, weniger ausbreiten konnte. Soziolog*innen und Politolog*innen reden dann vom Sozialkapital oder von sozialen Beziehungen, die neben Geldwerten und Humankapital als dritte Ressource verfügbar sein müssen, damit eine Gesellschaft gut funktioniert. Gesellschaften, die auf viel Sozialkapital zurückgreifen können, kommen generell besser durch Krisen als andere. Corona steht dafür stellvertretend.

 

Vertrauen als Grundlage

In der Schweiz brauchte es keine harte Ausgangssperre. Warum reagierten wir anders als beispielsweise die Menschen in Spanien und Frankreich? Die Antwort der Politikwissenschaft dazu: Wo es viel Vertrauen zwischen Regierenden und Regierten gibt, braucht es weniger staatliche Kontrollen. Die Bevölkerung hat, mit Ausnahme anfänglicher Hamstereinkäufen von Grundnahrungsmitteln und so existenziellen Artikeln wie Toilettenpapier, recht besonnen und aufmerksam reagiert. Man hat weitgehend gemacht, was der Bundesrat, aber auch die Regierungen in den Kantonen, regelmässig forderten. Der Vorwurf, wonach eine Konkordanzregierung nicht in der Lage sei, adäquat auf Krisen zu reagieren, wurde mit Corona entkräftet. In Krisensituationen schart sich die Bevölkerung gerne um Regierungen. Man sucht Schutz, zumindest am Anfang. Auch in der Schweiz haben Parteien und Medien zuerst die Reihen geschlossen. Diese innere Geschlossenheit hat dem Bundesrat auf der Grundlage neuer Gesetze und Verordnungen geholfen, rasch auf die Ereignisse zu reagieren. Dass die Kommunikation dabei nicht immer die beste war, sei vorerst verziehen. Aufgefallen aber ist, dass das Kollektiv funktioniert hat und sich der Bundesrat von den Vollmachten des Notrechtsregimes nicht verführen liess. Es gab keine(n) Sonnenkönig*in, auch wenn Alain Berset und Simonetta Sommaruga aufgrund ihrer Funktionen mehr im Rampenlicht standen als ihre Kolleg*innen.

 

Die Kritik nimmt zu

Solange die Krise akut ist, hält man sich mit Kritik zurück. Wird Licht am Ende des Tunnels sichtbar, geht der Wettbewerb der Weltanschauungen wieder los. Und das ist gut so. Auch bei Regierungen ist der Ruhm vergänglich. Und bekommt das Krisenmanagement erste Risse, nehmen die Vorwürfe zu und die Gesellschaft beginnt sich zu wehren. Wir konnten das bereits während der Finanzkrise beobachten, als das Vertrauen in die Regierung nach und nach zurückging oder vor hundert Jahren im Nachgang zur Spanischen Grippe. Noch ist der Weg lang zurück in die Normalität. Folgt auf die Gesundheitskrise tatsächlich die Rezession, wird der soziale Kit und auch unser Verhältnis zu den Regierenden einem nächsten Stresstest ausgesetzt. Das Sozialkapital kommt unter Druck – gerade in einer Demokratie, die von sozialen Beziehungen lebt, vom freiwilligen Engagement in Gemeinderäten und Vereinen. Vereine gelten gemeinhin als Schule der Demokratie, wo sich der Vereinsmeier zum Staatsbürger mausert. Ein Rückgang dieses Engagements kann der Demokratie zusetzen. Alternativen werden dann gefragt sein, um Solidarität und Mitwirkung zu üben. Vielleicht eine Chance für unsere unter Druck geratene Event-Kultur, die situativ und projektbezogen Möglichkeiten liefert, in unser soziales Kapital zu investieren. In dem Sinne freuen wir uns auf ein nächstes Gurtenfestival, den Nationalen Klimatag oder ein nächstes «Kino im Kocher» in Bern, organisiert von aktiven und ehemaligen Mitarbeitenden der CRK.

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